Von der Idee zum fertigen SI- und Motorik-Raum

Sport-Thieme Redaktion

Ein gut geplanter SI-Raum kann Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, sensorische Reize gezielt zu verarbeiten, ihre Körperwahrnehmung zu verbessern und mit mehr Sicherheit zu handeln. Wichtig ist dabei: Ein SI-Raum ist nicht einfach ein Bewegungsraum mit ein paar Schaukeln, sondern ein gezielt gestalteter, fachlich geplanter Raum, der unterschiedliche sensorische Erfahrungen ermöglicht. Wir zeigen dir hier wertvolle Tipps, wie du einen SI-und Motorikraum einrichtest und am Ende des Beitrags liest du einen Erfahrungsbericht von Carola Wiesbauer, Kinderheilpraktikerin und Vojta-, Bobath und SI-Lehrgangstherapeutin.

Das erwartet dich hier:

 

 

Was ist Sensorische Integration?

Sensorische Integration, kurz SI, ist die Wahrnehmungsverarbeitung, bei der Sinneseindrücke aus der Umwelt und vom Körper geordnet verarbeitet werden. So wird es uns Menschen möglich, uns in unserer Umwelt angemessen zu verhalten. Die Sinnesreize werden organisiert und verarbeitet, verknüpft und interpretiert. Sie werden bedeutsam und nutzbar. Diese Nutzung kann in einer Wahrnehmung oder Erfassung des Körpers oder der Umwelt bestehen, aber auch in einem angemessenen Verhalten oder einem Lernprozess.

Die Sensorische Integration spielt eine zentrale Rolle in der gesamten Entwicklung eines Kindes, weil es seine Erfahrungen nutzt, um Neues zu erlernen. Es entstehen neue Verknüpfungen im Nervengeflecht des Gehirns und dieses vergrößert seinen Erfahrungsspeicher.

Die folgenden, verschiedenen Wahrnehmungsbereiche werden miteinander in Verbindung gebracht:

  • Auditive Wahrnehmung - Weiterverarbeitung gehörter Informationen
  • Kinästhetische Wahrnehmung - Empfindung in Muskeln und Gelenken zur Körperwahrnehmung
  • Taktile Wahrnehmung - Tastsinn der Haut
  • Vestibuläre Wahrnehmung - Gleichgewicht halten, aufrecht stehen und koordiniert bewegen
  • Visuelle Wahrnehmung - das Gesehene erkennen und deuten

 

Was ist ein SI-Raum?

Ein SI-Raum ist ein Raum, in dem sensorische Reize gezielt angeboten werden. Anders gesagt: In einem solchen Motorikraum stehen Geräte und Materialien bereit, die Kinder zu Tätigkeiten auffordern, um Wahrnehmung, Selbstregulation, Motorik und Handlungsplanung zu fördern. Folgende Reize lassen sich in einem SI-Raum gut unterstützen:

  • Taktile Reize durch Berühren, Spüren, Streicheln

  • Propriozeptive Reize durch Ziehen, Drücken, Schieben, Hängen, Springen, Klettern

  • Vestibuläre Reize durch Drehen, Schaukeln, Rutschen, Fahren, Balancieren

 

Ein guter SI-Raum beginnt mit der Planung

Ein guter SI-Raum beginnt nicht mit Produkten, sondern mit der Planung. Da die Räume unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse deiner Einrichtung entworfen werden, ist die exakte Planung der Raumausstattung von Anfang an besonders wichtig. Soll der Raum für ergotherapeutische Einzelförderung genutzt werden? Für Wahrnehmungsförderung in der Frühförderung? Für regulierende Angebote im Schulalltag? Oder als Bewegungs- und Rückzugsraum mit klaren Nutzungszeiten? Kläre gemeinsam mit allen Nutzenden zuerst folgende Fragen:

  • Wer wird diese Räume nutzen?
  • Sind es Kinder (in welcher Altersgruppe?), Erwachsene oder Senior:innen?
  • Welcher Raum steht dir zur Verfügung? Wie sind die Maße? (Grundriss-Skizze oder Bauplan)
  • Wie ist die Deckenbeschaffenheit?
  • Spezielle Produkt-Wünsche
  • Geplantes Budget

 

Praxis-Tipp: Statt alles vollzustellen ist es sinnvoller, den Raum in funktionalen Zonen zu denken. Ein Bereich kann auf Bewegung und vestibuläre Reize ausgelegt sein – z. B. mit Schaukelmöglichkeiten oder Rollbrettern. Ein weiterer Bereich kann propriozeptive Erfahrungen unterstützen – etwa mit schweren Materialien, Zug- und Druckangeboten oder Kletterelementen. Ergänzend ist ein ruhiger Rückzugsbereich sinnvoll, in dem Reize reduziert werden und Regulation möglich bleibt. 

 

Sinnvolle Basisausstattung

Wenn du einen SI-Raum einrichtest, sollte die Ausstattung verschiedene sensorische Erfahrungen ermöglichen. Typische Elemente sind:

 

Was mache ich, wenn ich nicht in die Decke bohren darf? 

Wenn du in deinem SI-Raum keine tragende Zimmerdecke hast wird es schwierig, Schaukeln oder Kletterseile zu integrieren. Ein Motorik- und SI-Zentrum ist für solche Fälle eine top Lösung. Es besteht aus Stahl und Holz und ist so konstruiert, dass du es quasi in jedem Raum aufbauen kannst. Abgehängte oder nicht tragende Decken und Wände sind damit kein Problem mehr und du kannst in das Gerüst verschiedene Schaukeln und Schwingelemente sowie Turnwandelemente wie Sprossenwände oder Kletternetzteile einhängen. 

>> Eine ausführliche Kaufberatung zu Motorik- und SI-Zentren findest du bei uns im Sport-Thieme Therapieshop. 

 

Wertvolle Einrichtungstipps für deinen SI-Raum

Mit der richtigen Einrichtung wird ein SI-Raum zu einem Ort, an dem Bewegung, Sinneserfahrungen und Geborgenheit wirkungsvoll zusammenkommen. Wir haben ein paar wirkungsvolle Tipps für dich:

  • Der SI- und Motorikraum sollte über eine ausreichende Größe für freies Spielen und den intensiven Geräteeinsatz haben. Als solide Mindestgröße für die 1:1-Therapie gelten etwa 20 bis 25 m². 25 bis 35 m² eignen sich sehr gut, wenn Schaukeln, Matten, Rollbretter und eine freie Bewegungsfläche eingeplant sind. Ab 35 m² bietet ein SI-Raum ideale Voraussetzungen, wenn mehrere Funktionszonen genutzt werden sollen. 
  • Der Bodenbelag sollte möglichst aus Holz sein. Von farbintensiven oder gemusterten Böden wird abgeraten.
  • Heizkörper und Ecken sollten zur Vermeidung von Verletzungen abgepolstert werden.
  • Die Geräte und Materialien sollten an Körpergröße und Alter der Kinder angepasst sein und können flexibel eingesetzt sowie kombiniert werden.
  • Je nach Übung sollte der Boden durch Teppiche, Matratzen usw. abgedeckt werden.
  • Einsatz verschiedener, variabler Aufhängungen für hängende Geräte. Die Vorrichtungen sollten mind. 300 kg Last tragen können und genau wie die Geräte regelmäßig kontrolliert werden.

 

Ein Erfahrungsbericht Carola Wiesbauer

In der sensorischen Integrationstherapie ist es das Ziel, an und mit dem Kind zu lernen. Sie unterstützt die Vernetzung der Wahrnehmungsverarbeitung, um eine bessere Handlungskompetenz zu erreichen. Das hilft dem Kind, selbst Erfolge zu erleben und stützt damit seine Selbstsicherheit.

Carola-Wiesbauer

Die langjährige Kindertherapeutin Carola Wiesbauer ist Kinderheilpraktikerin, Vojta-, Bobath und SI-Lehrgangstherapeutin, GSID® Absolventin IntraActPlus-Basis, 2. Vorsitzende GSID® und Referentin bei verschiedenen Seminaranbietenden. Sie berichtet aus ihrer Praxis:

"Als Physiotherapeutin in eigener, interdisziplinärer Praxis und als Referentin der Gesellschaft für Sensorische Integration Jean Ayres Deutschland und International e.V. –GSID® konnte ich im Laufe der letzten 20 Jahre sehr viel Erfahrung mit unterschiedlichen Geräten sammeln.

Mein Behandlungsschwerpunkt sind Kinder mit Entwicklungs-, Lern- und Wahrnehmungsstörungen. Deswegen müssen mein Behandlungsraum und die Geräte bestimmte Eigenschaften aufweisen.

Eine gute S-Ayres Therapie-SIAT®-, zielt darauf ab, komplexe Handlung und gleichzeitig kindliches Spiel hervorzurufen. Das Kind soll lernen, sich emotional und physikalisch in seiner Umwelt zu orientieren. SIAT® verwendet als Behandlungsgrundlage einen spezifisch eingerichteten Raum, der als Einheit alle Sinnesmodalitäten anspricht. Die darin enthaltenen Geräte ermöglichen eine unterschiedliche, aber gezielte Reizzufuhr. Der Raum spricht die verschiedenen Altersgruppen an und kann vom Kind allein oder mit anderen Kindern zusammen genutzt werden. Er sollte einen hohen Bewegungs-, und Spielaufforderungscharakter durch die Gerätekombination aufweisen. Das Kind und die Therapeut:innen werden hierdurch motiviert. Um die kindliche Sicherheit und duale Interaktion zu ermöglichen ist außerdem wichtig, dass die Therapeut:innen dem Kind nahe sein können. Die in SIAT® verwendeten Geräte müssen strapazierfähig, gut zu reinigen und sehr sicher sein.

In meinen Seminaren konnten die von mir eingesetzten Geräte auch immer der Selbsterfahrung von Kursteilnehmenden standhalten. Manche Geräte, wie z. B. das Rollbrett, Softbausteine, das Pedalo, das Bällebad und diverse Schaukeln sowie das große Klettergerüst verwende ich seit 1994, als ich meinen ersten Therapieraum eingerichtet habe."

 

3 einfache Anwendungsbeispiele aus der Praxis

Zum Schluss zeigen wir dir hier noch 3 beliebte Beispiele, die du in deinem therapeutischen Raum ganz easy umsetzen kannst:

  • Schräge Ebene (auch schiefe Ebene) mit Rollbrett und Softplay:

Eine schräge Ebene kannst du perfekt als Rollbrett-Fahrbahn nutzen. Baue dazu am Ende der Schräge ein Tor aus großen Softplay-Elementen. Die räumliche Eingrenzung durch das Tor verlangt erhöhte Konzentration, visuelles Antizipieren sowie bessere Anpassungsreaktionen an das Rollbrett. Das führt zu präziserer, kontrollierter Steuerung der Fahrt.

  • Plattformschaukel

Deine kleinen Gäste legen einige große und schwere, mit Schaumstoffstücken gefüllte Kissen auf eine Plattformschaukel mit 4-Punkt-Aufhängung. Anschließend setzen sie sich so in die Kissen, dass diese einen Schutzwall um sie herum bilden. Nun lässt du die Schaukel schwingen. Damit wird viel propriozeptiver Input vermittelt, was zu einer verbesserten Modulation des vestibulär-propriozeptiven-taktilen Inputs führt.

  • Therapietrampolin

Das Kind springt vom Therapietrampolin auf den Boden, krabbelt darunter hindurch oder läuft drum herum. Lass es dieses wiederholen, bis es von allein wieder auf die Sprungmatte klettert und dort sitzen bleibt. Leg ein großes, dickes mit Schaumstoff gefülltes Kissen neben das Trampolin und fordere das Kind auf, hineinzuspringen – erst aus dem Stand und dann mit immer mehr Schwung! Durch das Kissen kommt zur aufrechten Bewegung die Möglichkeit zur Veränderung in die Vertikale als „neuer“ vestibulärer und taktiler Reiz hinzu. Dieses erfordert eine angepasste Reaktion (Springen auf dem Trampolin, um Schwung zu holen) und verstärkt den propriozeptiven Reiz.

 

Lass dich inspirieren: Mehr Ideen rund um das Thema Sensorische Integration sowie Psychomotorische Übungsgeräte und Bobath findest du im Sport-Thieme Therapieshop. Und wenn es schon konkreter ist und du eine persönliche Beratung brauchst, dann kontaktiere uns gern und buche einen Beratungstermin!

 

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